06.12.2021

Ein Wunderkind erobert die Soers

Sieg im Mercedes-Benz Nationenpreis, Platz zwei im Rolex Grand Prix: Mit gerade einmal 20 Jahren hat Publikumsliebling Brian Moggre (USA) in der Aachener Soers eine Woche erlebt, die er sein Leben lang nicht vergessen wird.

Sonntagnachmittag. Es ist mucksmäuschenstill. Die Luft im Aachener Hauptstadion knistert. Die Zuschauer verfolgen gebannt, wie der letzte Reiter scheinbar mühelos den Stechparcours des Rolex Grand Prix bewältigt. Der letzte Sprung. Geschafft! Frenetischer Jubel brandet auf. Keinen hält es mehr auf seinem Sitz. Noch im Galopp fällt der Reiter seinem Pferd dankend um den Hals. Zum Sieg hat es nicht gereicht. Das macht aber nichts. Der Reiter ist völlig aus dem Häuschen, das Publikum klatscht rhythmisch. Der US-Amerikaner Brian Moggre wird gefeiert. Gefeiert wie ein Sieger. Gefeiert für Platz zwei im Rolex Grand Prix. Mit gerade einmal 20 Jahren.

 

 

„Es gibt keine Worte, um meine Gefühle zu beschreiben“, versucht der junge Texaner seine Emotionen rüberzubringen. „Das ist so fantastisch. Ich hätte mir kein besseres erstes Mal hier in Aachen wünschen können.“ Wie auch? Immerhin hat er zuvor auch schon gemeinsam mit Lucy Deslauriers, Jessica Springsteen und seiner Trainerin Laura Kraut den Mercedes-Benz Nationenpreis gewonnen. Es war das erste Mal seit 2005, dass einem US-Team das wieder gelungen ist. Brian Moggre findet das natürlich „fantastisch“! Auch, weil ihm an diesem Abend unter Flutlicht ebenfalls zwei lupenreine Nullrunden geglückt sind. „Ich habe vor Freude geweint, als ich aus dem Parcours gekommen bin. Hier zu gewinnen, in Aachen, mit meiner Trainerin und zwei meiner allerbesten Freundinnen – was kann es Schöneres geben?“

Unbekümmert, offenherzig und stets gut gelaunt zieht Brian Moggre während des Turniers die Menschen in seinen Bann. Er begeistert alle – am meisten aber wahrscheinlich sich selbst. Schließlich steht er gerade erst am Anfang seiner Karriere. Einer Karriere, die er sich erträumt und für die er ganz früh alles andere hintenan gestellt hat. Erinnern kann er sich an seine Reitanfänge nicht. Aber daran, was seine Eltern ihm davon erzählen. So habe er ihnen schon im Alter von drei Jahren damit in den Ohren gelegen, endlich aufs Pony steigen zu dürfen. „Im benachbarten Reitstall ging das eigentlich erst ab fünf“, erzählt er und fügt lachend hinzu: „Aber dann war ich halt einfach drei Jahre lang fünf.“

 

 

Früh setzt er sich Ziele, tut alles dafür, immer besser zu werden. Und er hat Erfolg. So viel Erfolg, dass er in seiner Heimat schnell als Wunderkind gefeiert wird. An seinem 18. Geburtstag entscheidet er, das Reiten professionell zu betreiben und gründet eine GmbH. „Das war definitiv eine Umstellung. Als junger Reiter weiß man schließlich nicht, wie man ein Unternehmen führt und den Kopf über Wasser hält“, blickt er zurück. Glücklicherweise hat er ein tolles Team um sich herum – darunter Laura Kraut und Nick Skelton, die ihn unter ihre Fittiche genommen haben und ihm ein paar Kniffe des Geschäfts zeigen.

AND THE WINNER IS - Team USA!

Ob er aufgeregt ist, wenn er plötzlich im Reigen der ganz Großen mitmischt? „Na klar bin ich nervös. Sehr sogar“, gibt er zu. „Aber wenn man das nicht ist, nimmt man seine Sache auch nicht ernst.“ Sicherheit geben ihm seine Rituale – und die reichen bis zu der Kleidung, die er trägt. „Ich habe ein bestimmtes Hemd für die Qualifikation und eines für den Grand Prix.“ Und natürlich sein erfahrener Sportpartner Balou du Reventon, der ihm dabei hilft, selbst die schwierigsten Aufgaben spielerisch leicht aussehen zu lassen. Lange Zeit unter dem Iren Darragh Kenny erfolgreich unterwegs, hat Besitzerin Ann Thompson ihr Pferd im vergangenen Jahr Brian Moggre anvertraut. Es habe ihm „viel Spaß“ gemacht, den Hengst kennenzulernen. „Ich hätte mir niemals erträumt, ihn eines Tages reiten zu dürfen. Er ist einfach das beste Pferd meines Lebens“, sagt Brian Moggre – und muss dann selber lachen. „Ok, er ist das beste Pferd, das mir in meinem kurzen Leben bislang begegnet ist.“

 

 

Brian Moggre liebt, was er tut. Und das strahlt er auch aus. Wer ihn erleben darf, trifft einen sympathischen jungen Mann, aus dem pure Euphorie und Enthusiasmus nur so heraussprühen. Einen, der bescheiden bleibt, stets bemüht, sein Handwerk weiter zu perfektionieren. Und genau deswegen wird er auf der Welt weiter die Herzen des Publikums erobern. So wie beim CHIO Aachen.