10.08.2021

Die Kühner-Cloud

Sein Weg in die Top Ten der Weltrangliste war nicht immer einfach. Heute ist Max Kühner erfolgreicher Unternehmer, hat eine eigene Anlage und einen Majorsieg im Rolex Grand Slam – und er hat eine pferdebegeisterte Familie, die hinter ihm steht.

Entspannt streckt der Wallach seinen Kopf aus dem Fenster, die Augen halb geschlossen, das braune Fell glänzt in er Sonne. Ein bisschen Schatten spenden an diesem heißen Sommertag einzig die blühenden Blumen, die den großzügigen Balkon direkt über ihm schmücken. Um die Ecke im Garten sitzt Max Kühner, der hier in Hadorf, nur einen Steinwurf vom Starnberger See entfernt, seinen Traum lebt: Ein Leben gemeinsam mit seiner Familie und seinen Pferden unter einem Dach. Seine Familie, das sind Ehefrau Liv und die drei Töchter Julie, Grace und Maxie. Seine Pferde, das sind neben Routiniers wie Chardonnay viele hoffnungsvolle Youngster. Und eben dieser braune Wallach namens Elektric Blue, der da so relaxt in der Sonne chillt – und doch insgeheim darauf wartet, die Aufmerksamkeit seines Reiters zu erhaschen. Seit sieben Jahren kennen die beiden sich, bilden ein Team mit einer gemeinsamen Cloud, wie Max Kühner das blinde Vertrauen zwischen Reiter und Pferd beschreibt, das Jahre braucht, sich zu entwickeln.

Max Kühner - Anwärter auf den Rolex Grand Slam

Den Anfang machte 2014 ein einziger Hüpfer in der Freisprunggasse. Er reichte aus, um in Max Kühner die Hoffnung zu wecken, hier ein Talent für die ganz großen Aufgaben gefunden zu haben. „Blue hat unbegrenztes Potenzial. Springen fällt ihm einfach leicht“, sagt der 47-Jährige über seinen Sportpartner, der ihm im April in s’Hertogenbosch den Majorsieg im Rolex Grand Slam schenkte. Für Kühner bedeutet dieser Triumph nicht nur den bislang größten Erfolg seiner Karriere, er ist für ihn zugleich eine Bestätigung seines Ausbildungskonzepts. Denn auch Elektric Blue hat bis zum siegreichen Grand Prix-Pferd jenen Weg beschritten, den Kühner für alle seine Youngster vorsieht: Ein Wechselspiel aus Herausforderung und Entspannung. „Wir führen die Pferde in jungen Jahren spielerisch an ihre Aufgaben heran und bieten ihnen immer wieder ausgedehnte Phasen auf der Koppel“, beschreibt der gebürtige Münchener, der seit 2015 für Österreich startet, sein Konzept. „Danach kehren sie erfahrungsgemäß nicht nur schnell zu ihrer ursprünglichen Form zurück, sondern sind gleichzeitig auch mental gereift.“

Den Anspruch, Abwechslung geboten zu bekommen, hat Elektric Blue natürlich auch heute noch. Denn so genial der Zehnjährige ist, so viel braucht es, um ihn bei Laune zu halten. „Er langweilt sich schnell. Daher ist wir bemüht, seine Motivation hoch zu halten.“ Dafür bietet die Anlage in Hadorf alles, was es braucht. Auf 15 Hektar gibt hier mit weitläufigen Koppeln und wetterfesten Paddocks jede Menge Platz zum Relaxen, eine Halle, ein Sandplatz und die Rennbahn bieten ideale Trainingsmöglichkeiten. Dazu kommt ein riesiger Grasspringplatz, Max Kühners ganzer Stolz. Darauf hat er die traditionellen Hindernisse der weltgrößten Arenen nachgebaut – so auch das Doppelwasser vom CHIO Aachen. „Der Parcours in der Soers war meine Inspiration. Wir haben versucht, den Pferden hier bei uns ein paar Eindrücke von dort wiederzugeben. Dadurch nehmen sie die großen Plätze später, wenn es darauf ankommt, viel besser an“, erklärt Kühner, während sich im Hintergrund seine Töchter Julie und Grace auf einem eigens kreierten Spielplatz austoben – im Springparcours-Style versteht sich. Die Hindernisse haben sie alle selbst geschnitzt und bemalt, sogar ein eingelassenes Trampolin ist integriert.

Die beiden Mädchen machen aber auch im Sattel bereits eine gute Figur. Nach nur wenigen Jahren Fleiß und Übung reitet Julie seit 2019 verschiedene Ponys und Großpferde auf nationalen und internationalen Turnieren. In diesem Frühjahr konnte die 11-Jährige ihre junge Karriere mit dem Sieg im Bundes-Nachwuchschampionat der Ponyspringreiter krönen. „Meine Kinder sind heute schon viel weiter als ich in ihrem Alter“, sagt Max Kühner, der selbst aus einer Familie stammt, die dem Reitsport nur hobbymäßig verbunden war. „Das macht den Weg an die Spitze natürlich um ein Vielfaches schwieriger.“ Geklappt hat es trotzdem: Mit 18 Jahren war er bereits Inhaber des Goldenen Reitabzeichens, kurz danach Mitglied im deutschen Bundeskader der Jungen Reiter. Parallel schaffte er mit dem Abitur und einem BWL-Studium die Grundlage für seinen beruflichen Werdegang. Neben dem Sport ist er heute Inhaber zweier Firmen. „Ich wusste schon immer, dass ich den Reitsport beruflich machen will“, sagt er. Über die Jahre habe er dann aber gemerkt, wie kostenintensiv das ist, „deshalb die Kombination“, die ein ausgeklügeltes Zeitmanagement erfordert. „Morgens um 6 Uhr sitze ich auf dem ersten Pferd.“ Das letzte wird meist erst spät abends geritten, dazwischen sitzt er im Büro.

Zu Besuch bei Max Kühner

Wie er zwischen all‘ seinen Turnieren und seiner Arbeit entspannt? „Naja, man kann auch entspannt ins Bett gehen, wenn man tagsüber so viel wie möglich geschafft hat“, sagt Max Kühner und fügt lachend hinzu: „Nichts zu tun, ist einfach nichts für mich.“ Und so plant er aktuell den Ausbau seiner Anlage. Eine Eventhalle mit verglastem Richterturm, Stallungen, Mitarbeiterwohnungen sowie ein Gebäude für eine Tierklinik sollen entstehen. Unterstützung bekommt Max Kühner von Ehefrau Liv. Die gebürtige Dänin, einst selbst im Dressursattel hocherfolgreich, hält ihrem Mann den Rücken frei. Ist er unterwegs, gibt sie seinen Springpferden den dressurmäßigen Feinschliff. Kennengelernt haben sich die beiden – wie könnte es anders sein – auf einem Turnier in Dänemark. Im letzten November machte die Geburt ihrer dritten Tochter das gemeinsame Glück perfekt. „Meine Familie ist für mich die Basis, an die ich immer wieder zurückkehre. Nach jedem Erfolg, nach jedem Misserfolg“, sagt Max. „Das sind zwar immer nur wenige, aber sehr wichtige Tage, die mir Kraft geben für das turbulente Leben, das ich führe.“

Es ist ein Leben, das er liebt. „Wir teilen als Familie all‘ die Höhen und Tiefen, die dieser Sport mit sich bringt“, erzählt Max Kühner und das Strahlen in seinen Augen verrät, wie sehr ihn das erfüllt. Und wie stolz ihn jeder einzelne Erfolg macht. Als er im Juli das erste Mal unter den Top Ten der Weltrangliste geführt wurde, war das für die Kühners ein Grund zum Feiern. „Für viele ist das nur eine Nummer in einer Liste“, sagt er. „Für mich ist damit ein Kindheitstraum wahr geworden.“ Ausruhen wird er sich darauf aber nicht. Viel zu vollgepackt ist der Terminkalender, in dem auch der CHIO in Versalien eingetragen ist. Sein Augenmerk liegt natürlich auf dem Rolex Grand Prix. Dort am Sonntagnachmittag mit Elektric Blue wieder in die gemeinsame Cloud einzutauchen und in der einen Minute, auf die es ankommt, die perfekte Leistung abrufen zu können. Das wär’s! „Natürlich haben wir einen Plan. Ob er sich umsetzen lässt, wird sich zeigen“, sagt Max Kühner mit der Gewissheit, dass seine Familie für ihn da sein wird – egal wie es ausgeht. Und auch Elektric Blue wird nach dem CHIO Aachen wieder in seine Box nach Hadorf zurückkehren, relaxen, seinen Kopf aus dem Fenster stecken und sich die Sonne auf das Fell scheinen lassen.