27.06.2022

Ildikó von Kürthy beim CHIO Aachen

„Au Hur“ sagen und verstanden werden – das ist Heimat

Das muss dieses Rheinländer-Gen sein: Keine fünf Minuten dauert es, und es scheint nicht die Besteller-Autorin Ildikó von Kürthy zu sein, der man zuhört, sondern einer guten alten Freundin. Kurz nach dem Abitur ist sie nach Hamburg gezogen, dort fühlt sie sich sehr wohl und doch zieht es sie immer wieder in ihre Aachener Heimat – Karneval, Fritten, Streuselbrötchen, findet sie alles super. In den letzten Jahren ist sie auch wieder beim CHIO Aachen zu Gast. Bevor sie am Dienstag Eröffnungsfeier und „Media Night“ besucht, haben wir mit ihr geplaudert.

Frage: Wann gibt es denn den ersten Ildikó von Kürthy-Roman, der vor dem Hintergrund des CHIO Aachen spielt?
Ildikó von Kürthy: Alles, was ich erlebe, kommt früher oder später in irgendeiner Form in meinem Werken vor. Das ist auch das Einzigartige an meinem Beruf, das nichts umsonst geschieht.

Frage: Ist das typisch für eine Schriftstellerin, immer und überall nach Inspirationen zu suchen?
Von Kürthy: Man kann schon sagen, dass ich immer mit einer Art Verwertungshaltung durch die Welt gehe. Ich nehme alles um mich herum auf, speichere es aber nicht bewusst ab. Beim Schreiben setzt dann oft ein Wiederentdeckungsprozess ein und ich erinnere mich wieder an Dinge erinnere, die ich vergessen glaubte.

Frage: Wie sind denn Ihre ersten Erinnerungen an den CHIO Aachen?
Von Kürthy: Freunde haben mich als Kind einmal mit hierher genommen. Ich erinnere mich an das Gewusel im Village und an die vielen wunderschönen Pferde. Damals war ich aber wirklich noch sehr klein. Deswegen ist es wunderbar für mich, dass ich dieses großartige Reitturnier nun endlich live erleben darf.

Frage: Haben Sie selbst schon einmal im Sattel gesessen?
Von Kürthy: Ich bin früher sehr gerne geritten. Zwar nicht besonders gut, aber das hat mich nicht davon abgehalten, es zu tun. Und jetzt möchte ich unbedingt wieder damit anfangen. Ich finde es immer sehr schön, darüber nachzudenken, was mich als Kind glücklich gemacht hat. Diese Dinge möchte ich wieder ausprobieren. So habe ich auch das Schwimmen wieder für mich entdeckt. Und genauso möchte ich jetzt auch mein Glück wieder auf dem Rücken der Pferde finden – eben weil ich es dort schon einmal gefunden habe.

Frage: Haben Sie in Hamburg schon einmal das Aachener „Au Hur“ benutzt?
Von Kürthy: Nein, das versuche ich zu vermeiden (lacht). Ich denke, ich würde sehr irritierte Blicke ernten. Das versteht dort ja niemand, somit versuche ich es da eher mit hochdeutschen Schimpfwörtern.

Frage: Sie sind Aachenerin. Wo sind Sie denn aufgewachsen?
Von Kürthy: In Laurensberg. Ich kehre da immer wieder so gerne hin zurück. Für mich ist das jedes Mal wie eine Reise in meine wunderbare Kindheit. Ich gehe dann spazieren und an jeder Hecke, an jeder Mauer atme ich Kindheitserinnerungen ein. Ich liebe das sehr.

Frage: Streuselbrötchen oder erste Liebe? Was fällt Ihnen als erstes ein, wenn Sie an Aachen denken?
Von Kürthy: Tatsächlich sind Streuselbrötchen etwas, was ich im hohen Norden sehr vermisse. Aber noch viel mehr liebe ich das Gefühl, dass sich alle Aachener, die aus der Ferne hierher zurückkehren, sofort zugehörig fühlen. Wir sind alle ja irgendwie eng mit Kaiser Karl verwandt, sprechen die gleiche Sprache und wir haben alle schon in der Traditionsgaststätte „Knipp“ gegessen. Das alles verbindet die Aachener miteinander und das ist einfach ein ganz wunderbares Gefühl von Heimat und Gemeinschaft.

Frage: Was bedeutet für Sie Heimat?
Von Kürthy: Dass ich „Au Hur“ sagen kann und mich jeder versteht (lacht).

Frage: Haben Sie nach den vielen Jahren, die Sie nun schon in Hamburg leben, auch noch persönliche Kontakte hier in Aachen?
Von Kürthy: Ja, die habe ich nie verloren. Meine beste Freundin lebt in Aachen. Und eigentlich ist meine Bindung zu Aachen in den letzten Jahren immer stärker geworden. Ich bin ein sehr sentimentaler Mensch. Mit dem Älterwerden, dem Überschreiten der Lebensmitte, hat das immer noch mehr zugenommen. Und diese Emotionalität schließt auch ein Gefühl von Heimweh mit ein. Und dieses Gefühl wird immer stärker, eben weil ja vieles, das wehmütig, sentimental oder auch pathetisch ist, mit dem Früher, also dem, was vergangen ist, zu tun hat.

Frage: Wie lebt es sich denn mit so viel rheinländischer Sentimentalität inmitten der kühlen Norddeutschen?
Von Kürthy: Als Klischee-Rheinländerin habe ich einen Klischee-Norddeutschen geheiratet. Die Redeanteile in unserer Beziehung sind also recht ungleich verteilt. Ich glaube ich muss nicht näher erläutern, wer da mehr zu Wort kommt. Aber auf gewisse Weise ergänzt sich das natürlich auch sehr schön. Ich hätte ungerne einen Mann, der ähnlich viel reden möchte, wie ich es tue. Dann käme ich ja nicht genug zu Wort.

Frage: Finden sich bei Ihnen zu Hause Erinnerungen an Ihre Heimatstadt?
Von Kürthy: Ja, natürlich. Ich habe eine richtige Aachen-Ecke. Da hängen wunderschöne Stiche vom Rathaus und vom Dom, dazu gibt es Frühstücksbrettchen mit typischen Öcher-Sprüchen drauf, und einen Aachen Kalender, den ich immer freudig umblättere. Und meinem Mann und meinem Sohn habe ich sogar ein bisschen Öcher Platt beigebracht.

Frage: Haben Sie einen Lieblingsplatz, wenn Sie in Aachen sind?
Von Kürthy: Ich habe sogar eine ganze Lieblingsrunde, die ich immer drehe, wenn ich in Aachen bin. Sie beginnt auf dem Friedhof, wo meine Eltern begraben sind. Dann gehe ich immer am Kaiser-Karls-Gymnasium vorbei, wo ich zu Schule gegangenen bin. Von dort aus führt mich der Weg weiter über den Marktplatz zum Elisengarten. Dort drücke ich dem kleinen Mädchen am Geldbrunnen immer auf die Nase. Die ist übriges schon richtig golden – und bestimmt nicht nur, weil ich da seit 20 Jahren immer wieder draufdrücke.

Frage: Das klingt nach einem Rundgang voller Emotionen …
Von Kürthy: Oh, ja, das ist richtig. Es ist ein ganzes Puzzle an Emotionen. Auf dem Friedhof zum Beispiel bin ich immer sehr traurig. Meine Eltern sind zwar schon 25 Jahre tot, aber ich weine dort, als hätte ich sie erst gestern verloren. Vielleicht auch, weil durch Ihren Tod die Verbindung in meine Kindheit und Jugend in gewisser Form abgerissen ist. Aber es sind auch viele beschwingte, fröhliche Emotionen, die ich auf meinem Weg verspüre. Denn auch wenn ich immer wieder versuche, Aachen auch neu zu entdecken, liebe ich alles das ganz besonders, was ich von damals kenne.

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